Homöopathische Arzneimittelprüfungen geschehen nicht immer mit potenzierten Arzneimitteln und manchmal sogar unfreiwillig. Die folgende Geschichte ist ein deutliches Beispiel für eine solche homöopathische Prüfung.
Ein 44jähriger Mann kam erschien im Mai 2001 mit Muskelkrämpfen beim Arzt. Die medizinische Vorgeschichte bot keinerlei Anhaltspunkte, er gab jedoch an, dass er in den letzten 25 Jahren bis zu 4 l schwarzen Tee pro Tag getrunken hatte. Seine Lieblingsmarke war Gold Teefix (Teekanne, Salzburg, Österreich). Da dieser Tee ihm zeitweise Magenprobleme bereitete, war er zu Earl Gray (Twinings & Co., London) gewechselt, von dem er sich weniger Probleme für seinen Magen erhoffte.
Eine Woche nach dem Wechsel bemerkte er wiederholt Muskelkrämpfe im rechten Fuß, die einige Sekunden anhielten. Je länger er Earl Grey Tee trank, desto intensiver wurden die Muskelkrämpfe. Nach 3 Wochen traten sie auch im linken Fuß auf. Nach 5 Wochen hatten sich die Krämpfe auf die Hände und die rechte Wade ausgedehnt. Gelegentlich beobachtete er blitzartige Muskelkontraktionen ohne Bewegungseffekt (Faszikulationen) im Daumen und in den Wadenmuskeln. Ausserdem traten Missempfindungen in allen Gliedern auf und ein Druckgefühl hinter den Augen, das mit einer Verminderung der Sehschärfe besonders im Dunkeln einherging.
Die neurologische Untersuchung bestätigte die verminderte Sehkraft und die Faszikulationen. Untersuchungen der Leitfähigkeit der motorischen und sensorischen Nerven ergaben keine krankhafte Veränderung. Die Augendruckmessung und hintergrunduntersuchung sowie ein CMR (CT) waren normal. Untersuchungen der Schilddrüsen-, Leber-, Nebennieren- und Nierenfunktion zeigten keine Abweichungen. Die Blut- und Urinwerte im Bereich Kalium, Chlor, Calcium, Magnesium und Phosphat waren alle im normalen Bereich. Er hatte kein gesteigertes Durstempfinden (Polydipsie) und konnte seine Flüssigkeitsaufnahme durchaus auf 1-2 l pro Tag senken.
Erkrankungen der motorischen Nerven, Polyneuropathie, Myopathie, Neuromyotonie, Stiff-man Syndrom und die Machado-Joseph Erkrankung konnten durch entsprechende Tests ausgeschlossen werden.
Der Patient vermutete selbst schon eine Beziehung zwischen seinen Symptomen und seinem Teekonsum und stoppte nach 5 Monaten das Trinken von Earl Grey Tee. Er trank dann wieder reinen Schwarztee. Innerhalb einer Woche waren seine Symptome vollständig verschwunden. Die Symptome traten auch nicht auf, wenn er vollständig auf Tee verzichtete, was er versuchsweise für eine Woche lang tat. Er stellte fest, dass die Symptome nicht auftraten, so lange er nicht mehr als 1 l Earl Grey Tee pro Tag trank.
6 Monate später waren alle Untersuchungen der Nervenleitung und die Elektromyographie normal. Er trank immer noch 2 l reinen Schwarztee pro Tag (seine gesamte Flüssigkeitsaufnahme) und hatte keine Beschwerden.
Earl Grey Tee besteht aus schwarzem Tee und der Essenz des Bergamotte-Öls, einem Extrakt der Rinde der Bergamotte-Orange (Citrus aurantium ssp bergamia), die einen angenehmen, erfrischenden Geruch hat. Man kann davon ausgehen, dass das Bergamotte-Öl verantwortlich für die Krankheitssymptome war, denn diese hörten auf, sowie der Patient keinen Earl Grey Tee mehr trank.
Bergamotte-Öl wird therapeutisch bei Psoriasis, Vitiligo, Pilzmykosen und Hautlymphomen eingesetzt. Aufgrund seiner unerwünschten fototoxischen Nebenwirkung ist es weitgehend aus Kosmetika und Bräunungsprodukten verbannt worden, denn es hinterlässt bei Sonneneinstrahlung dunkle Flecken auf der Haut, die nicht mehr verschwinden. Bergamotte-Öl hat auch einen lebertoxischen Effekt und kann Kontaktallergien auslösen. Außerdem ist Bergamotte-Öl ein Kalium-Blocker, der die Kalium-Aufnahme im Nervensystem zeitweise reduziert. Dadurch entstehen eine Übererregbarkeit der Muskeln und die entsprechenden Krämpfe.

