Krise zwischen klassischen und zeitgenössischen Denkweisen
von David Little – Übersetzung Frauke Girus-Nowoczyn
WAS IST KLASSISCHE HOMÖOPATHIE?
Mein Kollege, Dr. Manish Bhatia, hat mich gebeten, das Thema der traditionellen und modernen Methoden in der Homöopathie zu behandeln. Zuallererst einmal ist es wichtig festzulegen, was mit klassischen und modernen Methoden eigentlich gemeint ist. Die reine Bedeutung des Wortes “klassisch” bezieht sich auf eine gut etablierte Tradition mit einem anerkannten Stil oder Form, oder einer Reihe von Handlungen, die einem bekannten traditionellen Muster folgen. Klassisch bezieht sich auch auf die Zeit, als eine herausragende Tradition entstand, wie zum Beispiel das alte Griechenland oder das alte Rom. Der Ausdruck “klassisch” bedeutet auch etwas, das von höchster Qualität ist oder eine Tradition, die bestens etabliert ist. Es bedeutet auch etwas, das gepflegt und elegant ist, besonders einen traditionellen Stil, der Moden und Trends überdauert. Der Ausdruck modernen bedeutet etwas, das zur Gegenwart oder näheren Vergangenheit gehört und nicht alt oder altertümlich ist. Nicht-klassisch oder nicht-traditionell bezieht sich auf ein System, das zeitgenössisch ist und keine Wurzeln in einer Tradition hat, die für ihre Besonderheit anerkannt ist.
Wenn man die oben genannten Definitionen im Kopf behält, wird es augenscheinlich, dass der Ausdruck “klassische Homöopathie” sich auf die Philosophie der “Klassik” der homöopathischen Heilkunst bezieht und auf der Praxis jener Zeit begründet ist. Diese Klassik beginnt mit dem Organon der Heilkunst, den Chronischen Krankheiten und den Kleinen Schriften von Samuel Hahnemann. Alle Methoden, die ihren Ursprung in diesen Werken haben, können mit Sicherheit als “klassisch” im wahren Sinne des Wortes bezeichnet werden. Gleichzeitig bezieht sich der Ausdruck klassisch auf den Zeitraum der großen Renaissance, in der unsere revolutionäre Heilkunst entwickelt wurde. Dies war die Zeit von Samuel Hahnemann, Baron von Bönninghausen, Konstantin Hering, G.H.G. Jahr und der ersten Generation. Es sind diese Menschen, die die Philosophie entwickelt, die ersten Arzneimittelprüfungen aufgezeichnet, die ersten Materiae Medicae geschrieben, die ersten Repertorien erstellt und die ersten Experimente mit potenzierten Arzneimitteln durchgeführt haben.
Jedes etablierte klassische System wird mit gewissen Grundsätzen in Verbindung gebracht, die seine innersten Werte ausdrücken. Die vier grundlegenden Pfeiler der traditionellen Homöopathie sind: Ähnliches heilt Ähnliches, die Verschreibung des einzelnen Arzneimittels, die kleinstmögliche Gabe und die Anwendung potenzierter Arzneimittel. Diese grundlegenden Prinzipien werden auf verschiedene Weise angewendet, wodurch sie auf ein weites Feld klinischer Situationen zugeschnitten werden können. Das Prinzip der ähnlichen Arzneimittel war schon bei Hippokrates bekannt (ca. 560 v.C.), was zeigt, dass diese Methode bis zum klassischen Zeitalter der Griechen zurückreicht. Er verwandte jeweils nur eine minimale Dosis einer einzelnen Arznei, seine Enkel führten allerdings “hippokratische Mischungen” ein. Die Anwendung ähnlicher Arzneimittel war jedoch noch ziemlich gefährlich, wie zum Beispiel die Verwendung von rohem Helleborus bei Konvulsionen. Paracelsus (1493 bis 1541) verwandte einzelne Arzneimittel nach Ähnlichkeit, die durch die Alchemie umgewandelt worden waren, doch die innewohnende Giftigkeit vieler Arzneimittel blieb. Es war die Perfektionierung des potenzierten Arzneimittels durch Samuel Hahnemann, die den Gebrauch der ähnlichen Arzneien für die allgemeine medizinische Praxis eröffnete.
Die Verwendung eines einzelnen Arzneimittels ist von einigen modernen Homöopathen so interpretiert worden, dass nur ein einziges Arzneimittel während der gesamten Behandlung verwendet werden sollte. Dies war jedoch nicht Hahnemanns ursprüngliche Absicht, der sich die einzelne Mittelgabe auf die Verordnung eines einzelnen, nicht zusammengesetzten Arzneimittels zur Zeit bezog. Dies unterscheidet die Homöopathie von Systemen, die Mixturen verwenden, wie wir sie in der Polypharmazie finden. Die kleinstmögliche Gabe ist von manchen modernen Homöopathen interpretiert worden, als ob es um die geringe Menge der ursprünglichen Substanz ginge, die man in einem potenzierten Arzneimittel findet. Dies war jedoch nicht Hahnemanns ursprüngliche Intention, denn die kleinstmögliche Gabe bezieht sich auf die geringe Menge des Arzneimittels, das in den homöopathischen Pillen enthalten ist. Dies unterscheidet die Homöopathie von Systemen, die große Mengen von Arzneien pro Dosis verwenden. Das potenzierte Arzneimittel ist der letzte Schlüssel, der die Tür zur Materia Medica für jede Substanz öffnete, die sich in der mineralischen, pflanzlichen und tierischen Welt findet. Dies unterscheidet die Homöopathie von Systemen, die substanzielle Gaben und chemische Arzneimittel verwenden. Diese grundsätzlichen Prinzipien bringen ein Kontrollsystem und ein Gleichgewicht hervor, dass die Homöopathie zu einer sicheren und effektiven Heilkunst macht. Jede Schule, die sich an diese Hauptgrundsätze hält, basiert ihre Praxis auf der klassischen Homöopathie.
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